Individualsoftware oder Standardlösung? Eine ehrliche Make-or-Buy-Entscheidung
„Sollen wir das kaufen oder selbst bauen lassen?” — diese Frage steht am Anfang fast jedes Softwareprojekts. Die ehrliche Antwort lautet: Es kommt darauf an. Aber nicht auf das Bauchgefühl, sondern auf ein paar nüchterne Kriterien. Dieser Beitrag gibt Ihnen einen Entscheidungsrahmen an die Hand, mit dem Sie Make-or-Buy fundiert beantworten — bevor Budget und Zeit in die falsche Richtung fließen.
Der Denkfehler: „Standard ist immer günstiger”
Standardsoftware wirkt auf den ersten Blick günstiger, weil der Preis sichtbar ist: Lizenz pro Nutzer, fertig. Die teuren Posten stehen aber im Kleingedruckten — sie heißen Anpassung, Workaround und Prozessbruch.
In der Praxis deckt eine Standardlösung typischerweise 80 % Ihrer Anforderungen ab. Die fehlenden 20 % sind selten unwichtig — es sind oft genau die Abläufe, die Ihr Unternehmen von der Konkurrenz unterscheiden. Für diese 20 % zahlen Sie dann doppelt: einmal mit teuren Customizing-Tagen des Herstellers und einmal mit Excel-Tabellen, Doppelerfassung und manuellen Übergaben, die nie in einer Kostenrechnung auftauchen.
Individualsoftware dreht das Verhältnis um: Sie zahlen vorne mehr für die Entwicklung, bekommen dafür aber eine Lösung, die zu 100 % zu Ihren Prozessen passt — und nicht umgekehrt.
Vier Fragen, die die Richtung vorgeben
Bevor Sie über Anbieter und Angebote nachdenken, beantworten Sie diese vier Fragen:
- Ist der Prozess ein Wettbewerbsvorteil oder ein Hygienefaktor? Buchhaltung, Lohnabrechnung und E-Mail sind Hygienefaktoren — hier ist Standard fast immer richtig. Was Sie schneller, günstiger oder besser macht als andere, gehört dagegen selten in eine Software von der Stange.
- Gibt es ein Standardprodukt, das wirklich passt — oder eines, an das Sie sich anpassen müssten? Ein ehrlicher Test: Listen Sie Ihre zehn wichtigsten Anforderungen und prüfen Sie, wie viele die Standardlösung ohne Customizing erfüllt.
- Wie oft ändert sich der Prozess? Was sich häufig ändert, wird in Standardsoftware mit jeder Anpassung teurer. Eigene Software lässt sich dagegen gezielt weiterentwickeln.
- Wie kritisch sind Ihre Daten und Schnittstellen? Wenn viele Systeme sauber zusammenspielen müssen, ist die Integrationsfähigkeit oft entscheidender als der Funktionsumfang.
Die echten Kostentreiber — auf beiden Seiten
Make-or-Buy ist keine Lizenz-gegen-Tagessatz-Rechnung. Vergleichen Sie über die gesamte Lebensdauer:
- Standard: Lizenz- und Wartungsgebühren (laufend, oft pro Nutzer), Customizing-Projekte, Schulung, der Aufwand für Workarounds, Abhängigkeit von der Roadmap des Herstellers und das Risiko von Preis- oder Modellwechseln.
- Individuell: einmalige Entwicklung, laufende Weiterentwicklung und Wartung, Hosting/Betrieb — dafür keine Pro-Nutzer-Lizenz, volle Kontrolle über die Roadmap und Code, der Ihnen gehört.
Eine grobe Faustregel aus der Projektpraxis: Wenn die Anpassung einer Standardlösung mehr als die Hälfte einer Eigenentwicklung kostet, sollten Sie ernsthaft über die Eigenentwicklung nachdenken — denn am Ende haben Sie sonst die Kosten der Individualsoftware und die Abhängigkeit der Standardlösung.
Wann Standardsoftware die richtige Wahl ist
Seien wir fair: Nicht alles muss selbst gebaut werden. Standard ist die bessere Wahl, wenn
- der Prozess hochgradig standardisiert und reguliert ist (z. B. Finanzbuchhaltung, DATEV-Anbindung),
- ein etabliertes Produkt Ihre Anforderungen ohne nennenswerte Anpassung trifft,
- der Bereich für Ihr Geschäftsmodell unkritisch ist und einfach „funktionieren” soll.
Hier Geld in Eigenentwicklung zu stecken, ist verschwendetes Budget.
Wann sich Individualsoftware auszahlt
Eigene Software lohnt sich, wenn
- der Prozess Ihr Differenzierungsmerkmal ist,
- keine Standardlösung wirklich passt (oder nur mit teurem Customizing),
- mehrere Systeme sauber zusammenspielen müssen,
- Sie unabhängig von Lizenzmodellen und fremden Roadmaps bleiben wollen.
Genau dafür bauen wir Individualsoftware: Anwendungen, die exakt Ihre Abläufe abbilden, mit Ihnen mitwachsen und auch in fünf Jahren noch wartbar sind.
Der dritte Weg: nicht alles auf einmal
Make-or-Buy ist keine Alles-oder-nichts-Frage. In vielen Projekten ist die beste Antwort ein Mix: Standardsoftware für die Hygienefaktoren, Eigenentwicklung für den differenzierenden Kern — sauber über Schnittstellen verbunden.
Genauso wichtig: Eine Eigenentwicklung muss nicht als großes Komplettprojekt starten. Ein klar umrissener erster Funktionsumfang, der schnell produktiv geht, senkt das Risiko drastisch. Von dort wächst die Anwendung in planbaren Schritten — jede Iteration liefert echten Nutzen, und die Richtung bleibt jederzeit korrigierbar. Wer eine bestehende, in die Jahre gekommene Lösung modernisieren statt ersetzen will, findet im Beitrag zur Legacy-Modernisierung den passenden Weg.
Eine kurze Checkliste für Ihr nächstes Projekt
- Wir wissen, ob der Prozess Wettbewerbsvorteil oder Hygienefaktor ist.
- Wir haben unsere zehn wichtigsten Anforderungen gegen die Standardlösung geprüft — ohne Customizing.
- Wir haben die Gesamtkosten über fünf Jahre gerechnet, nicht nur den Lizenzpreis.
- Wir wissen, welche Schnittstellen kritisch sind.
- Wir starten klein und liefern früh — statt alles auf einmal zu planen.
Fazit
Die Make-or-Buy-Entscheidung scheitert selten an der Technik und fast immer an der unvollständigen Rechnung. Wer nur den Lizenzpreis sieht, unterschätzt die Folgekosten der Anpassung; wer nur den Entwicklungsaufwand sieht, unterschätzt den Wert der vollen Kontrolle. Beantworten Sie die vier Fragen ehrlich, rechnen Sie über die Lebensdauer — und die Richtung wird klar.
Sie stehen genau vor dieser Entscheidung? Schreiben Sie uns kurz, worum es geht. Wir ordnen mit Ihnen ein, ob Make, Buy oder ein Mix der richtige Weg ist — ehrlich, auch wenn die Antwort „Standard reicht” lautet.
Sie haben ein konkretes Vorhaben? Wir ordnen ehrlich ein, welcher Weg trägt.